Das alternative Denken findet hier seine unüberwindliche Begrenzung. So ist ein Teilchen ein Gebilde, das, wenn es sich an einem Ort befindet, nicht gleichzeitig an einem anderen Ort sein kann. Es kann immer nur ein Teilchen an einem bestimmten Ort sein. Eine Welle dagegen breitet sich durch den Raum aus und mehrere Wellen können sich überlagern. Niels Bohr führte dafür in der Physik den Begriff der Komplementarität (gegenseitige Ergänzung) ein. Bisher kannten die meisten von uns nur Komplementwinkel aus der Geometrie und Komplementärfarben in der Farbenlehre. Jahrhunderte hindurch gab es bei der Frage "Was ist Licht?" viel Streit zwischen den alternativen Auffassungen.
Die Unterschiede zwischen Wellen- und Teilchenbewegungen sind so groß, dass diese Bewegungsformen nicht miteinander vereinbart werden können. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war es nur möglich, alle Beobachtungen als Bewegung entweder von Wellen oder von Teilchen zu beschreiben. Niemals gab es Beobachtungen, für die beide Beschreibungen gleichzeitig galten. Heute erkennen wir, wenn wir auf die Lichtausbreitung und Lichtübertragung sehen, dass es über gewaltige Räume und Zeiten ausgebreitete Wellen sind. Schauen wir hingegen auf die Lichtwirkung, so ist Licht ein auf kleinstem Raum und in kürzester Zeit auftretendes, unteilbares Energiequantum. Komplementarität fordert also die Ergänzung, weil ich nicht zugleich zwei Seiten einer Sache erkennen kann. Die logische Unvereinbarkeit zwischen Wellen- und Teilchenbewegung führte zu einem heftigen Streit zwischen Christian Huygens (1629-1695) und Isaac Newton (1643-1727). I. Newton sah die geradlinige Ausbreitung des Lichtes als wesentlich an und vertrat daher die Korpuskulartheorie. Chr. Huygens sah die Lichtbeugung als wesentlich an und folgerte: Licht sei eine Welle. Wir können einen physikalischen Vorgang nicht aus dem Beobachtungszusammenhang herauslösen. Das hat uns erst die Atomphysik deutlich gemacht. Aber die meisten haben es bis heute nicht auf ihr gesamtes Denken angewandt, sonst hätte es uns längst in den Geisteswissenschaften erreicht und dazu geführt, zu begreifen, dass wir nicht länger die eine Wahrheitserkenntnis von der anderen abtrennen dürfen, um nur eine gelten zu lassen, sondern endlich lernen dürfen, beide, wenn es sich um ergänzende Wahrheitsteile handelt, nebeneinander stehen zu lassen.

Im bisherigen Denken konnte man nur sagen, einer hat recht gegen den anderen. Im komplementären Denken haben beide miteinander Recht! So galten Wahrheiten immer in ihrem alternativen Charakter als absolut. Wenn die Lebensvielfalt in ihren komplementären Strukturen jedoch immer nur alternativ formuliert wird, geschieht dies unter Leugnung des anderen, paradoxen Teiles, der zu dieser Wahrheit dazu gehört! Damit wird immer Lebensvielfalt beschnitten, ein Stück Lebensqualität geraubt. Nimmt ein Mensch eine alternative Position ein, weil ihm die eine Seite wichtig geworden ist, so muss er nun erst sorgfältig prüfen, ob er dabei Wahrheit verleugnet.
"Die Komplementarität der Begriffe besteht darin, dass sie nicht gleichzeitig benutzt werden können, gleichwohl aber beide benutzt werden müssen." [23]
In der modernen Physik wird ein zweiwertiger Wahrheitsbegriff verwendet, der zur Revolution der Logik des Entweder-Oder geführt hat. Während wir bisher sagten: Das ist wahr und jenes ist falsch, müssen wir heute sagen: Das ist wahr und jenes ist auch nicht falsch. Wenn wir dabei von einem Sowohl-als-auch reden, meinen wir dabei nicht etwa eine Lebenshaltung, in der alles erlaubt ist, weil jeder machen kann, was ihm gefällt oder gut dünkt! Die Tragweite solch veränderten, komplementären Denkens beschreibt der Physiker Bernhard Philbert mit den Sätzen: "Komplementarität ist eine sich in verschiedenen, einander ergänzenden und zugleich gegenseitig verdrängenden Komponenten gestaltende Vollständigkeit. Die Komplementarität ist Ausdruck jenes Wesenszuges der Schöpfung in den höheren Bereichen, in welchem verschiedene Seinsverhalte - so verschieden, dass sie sich gegenseitig eben logisch ausschließen - doch nebeneinander bestehen können und sogar zueinander kommen müssen, um Vollständigkeit zu ergeben; trotz Gegensätzlichkeit und sogar Widersprüchlichkeit je in ihrer vollen Tragweite nebeneinander, miteinander und zueinander, ohne sich gegenseitig abzuwerten". [24] Leben, wie Gott es wollte, ist also auf Teilung in verschiedene Sichtweisen und damit auf Ergänzung, letztlich auf Versöhnung angelegt. Sichtbares und Unsichtbares gehören also zum ganzen Komplex von Gottes Schöpfung zusammen. Mit dem Denken kann ich das Sichtbare verstehen und mit dem Glauben das Unsichtbare erfassen. Wer mit dem Verstand das Unsichtbare begreifen will, benutzt einfach ein falsches Werkzeug. Niemand wird mit einer Feile einen großen Nagel einschlagen wollen! Jedes Werkzeug ist für etwas Bestimmtes zu gebrauchen. So darf ich beides - Denken und Glauben- nicht gegeneinander ausspielen, eins aber auch nicht gegen das andere absolut setzen.
Nehmen wir zur Veranschaulichung einmal die Begriffe Freiheit und Verantwortung als Komponenten einer Komplementarität. Beide Begriffe sind in der Schöpfung enthalten (Genesis 1). Beide sind nach Gottes Willen dem Menschen mitgegeben.
Zum Begriff der Verantwortung gehört als Unterbegriff auch die Ordnung. Lesen wir mit diesen beiden Begriffen das angeführte Zitat von Philbert noch einmal, wird schnell deutlich, dass wir beide Komplementärbegriffe benötigen, um menschliches Sein sinnvoll zu gestalten und recht zu verstehen. Weder der Begriff der Freiheit, noch der Begriff der Verantwortung allein reichen aus, um die Mannigfaltigkeit und den Sinngehalt des Lebens zu gewährleisten. Zur Ordnung gehört ein aus der Verantwortung erwachsender gestaltender Wille, der Ordnung schafft. Kein Begriff ist so in sich abgeschlossen, dass er nicht zum anderen hin offen sein müsste. Kein Begriff ist so mächtig, dass er ausschließlich das Leben bestimmen dürfte. Nur dem Verantwortlichen entfalten sich die Freiheit und die Ordnung in harmonischer Spannung. Eine Freiheit, die nicht durch Ordnungen bewahrt wird, entartet zur Zügellosigkeit (Libertinismus), endet im Chaos und bringt damit anderen Schaden. Man missachtet dabei den Grundsatz, dass die Freiheit des Einzelnen an der Grenze der Freiheit des Nächsten endet. Jeder Egoismus braucht das Korrektiv des Gemeinsinnes. Die Selbstverwirklichung darf nicht auf Kosten anderer gehen. Im Sport spricht man von der Balance zwischen Pflicht und Kür! Eine Ordnung, die keine Freiheit kennt, ließe menschliches Leben in der Einengung erstarren (Dogmatismus). Der Mensch ist das einzige Wesen der Schöpfung, dem "das Prinzip Verantwortung" (Hans Jonas) schöpfungsmäßig mitgegeben ist! Wo er dieses Prinzip in seiner Komplementarität nach einer Seite hin auflösen will, missrät alles. Freiheit pervertiert, und Eigennutz zerstört allen Gemeinsinn. Aus der Beliebigkeit einer falsch verstandenen Freiheit entsteht schnell die Langweiligkeit, die nach immer neuer Abwechslung giert, koste es, was es wolle. Diese missbrauchte Freiheit zerstört dann sehr schnell auch jede Form von Anstand oder Rechtsbewusstsein. Das schlechte Gewissen wird zum Fremdwort. Gut ist, was mir gefällt und nützt! Wo die Schöpfung in ihrer Zweipoligkeit aufgelöst, also zerstört wird, wächst automatisch das Chaos.
So wird erst in der Komplementarität die Einheit der Schöpfung offenbar, nur komplementär vermag sie sich richtig zu entfalten. Neutestamentlich wird der Zusammenhang beider Begriffe deutlich am Beispiel der Parrhesia (Freimut), die in Apostelgeschichte 4,19 den Vorrang des Gehorsams gegenüber Gott fordert. Freiheit muss also bewahrt werden vor dem Machtkampf eigener und fremder Wünsche gegenüber Gottes Anforderungen. Die beliebige Freiheit zerstört jede Gemeinschaft und führt ins Chaos. Die an Ordnung und Gehorsam gebundene Freiheit entwickelt ein Energiepotential für andere und nimmt in "Freimut" Verantwortung wahr. Da der Mensch nicht als Einzelwesen erschaffen wurde, sondern in der Zweisamkeit sich als Mensch erkannte mit dem ergänzenden und doch harmonierenden Gegenüber von Mann und Frau und als solcher "Adam" - Mensch genannt wurde, so gibt es in der Schöpfung diese Polarität.
Machen wir uns das bisher erkannte Wissen an einer Skizze noch einmal bewusst:

An dieser Grafik wird uns deutlich, wie Gott als Schöpfer uns auf einen Weg geführt hat, in dem der Mensch seinen freien Willen nutzen soll und kann und dennoch unter der Hand seines Schöpfers bleibt. Verselbständigt sich ein Teil der Wahrheit, der auf Ergänzung abzielt, so entsteht daraus immer eine Gefährdung, entweder zur Rechten oder zur Linken. "Alle Irrlehre beginnt mit dem Weglassen" (Werner Elert). Wo der Mensch aus dieser Ausgewogenheit von freiem Willen und menschlicher Verpflichtung herausfällt, gerät er auf den Weg einer falschen Alternative und endet in einer starren Entweder-oder-Festlegung. Er ist sich dabei seiner Abhängigkeit nicht mehr bewusst, weil er hochmütig (einseitig) wurde, dabei kann er die Sicht eines anderen nicht mehr wahrnehmen bzw. anerkennen, er verrennt sich also in der eigenen Festlegung (Überzeugung). Im Ergebnis eines solchen Streites steht immer die Trennung. Dazu kommt meist die Überzeugung, dass der andere irrt, während man selbst meint, "der Wahrheit" folgen zu müssen. Mit der Frage des Verhältnisses von Freiheit und Verantwortung diskutieren wir zugleich die wichtigste Zukunftsfrage unserer Generation. Wir haben aus der Selbstverantwortung eine Selbstverwirklichung gemacht! Der Staat hat dem Einzelnen immer mehr Verantwortung abgenommen, er trifft jede Vorsorge und nimmt so die Folgen für einzelnes schuldhaftes Handeln ab. "Ich bin ja versichert"! Der Einzelne geht mit seinem Körper, seiner Gesundheit nach Lust und Laune um und der Staat nimmt ihm die "kostspieligen" Folgen ab. Trunkenheit am Steuer bringt z.B. immer noch mildernde Umstände, auch wenn ein anderer das mit dem Leben bezahlen musste. Hier ist mit der Übernahme der Folgekosten auch eine erhebliche Entlastung an persönlicher Verantwortung verbunden. Wer gibt einem Staat das Recht, sie dem Einzelnen (Schuldigen) abzunehmen, und sie einer Verantwortungsgemeinschaft (unschuldig) aufzubürden, während der Betreffende vielleicht gedankenlos weiter drauflos sündigt??
"Wir haben uns gewissermaßen von der Verantwortung emanzipiert, die mit Freiheit verbunden ist...Die Freiheit hat sich von der Verantwortung gelöst" [25] Wir haben die Freiheit als Ungebundenheit missverstanden und damit destruktiv gehandhabt! Niemand will aber die Verantwortung wieder zurückhaben, er müsste ja damit seinen Freiheitsanspruch reduzieren. Darum schreit alles auf, wenn der Staat erklärt, er könne nicht länger die Verantwortung in diesem Maß (Übermaß!) tragen. Gibt es dann soziale Einschnitte, weil der Staat diese Verantwortung nicht mehr länger bezahlen kann, schreien alle Nutznießer auf. Dabei geht es nicht um soziale Verantwortung für die Schwächeren und Kranken. Erst wo Freiheit in Verantwortung wahrgenommen wird, entfaltet sie sich konstruktiv. Mit einer schwindenden sozialen Verantwortung jedes Einzelnen muss eine Flut von Gesetzen den Mangel an ethischen Selbstverständlichkeiten versuchen, wett zu machen. Zu recht macht Christine Lieberknecht, Präsidentin des Thüringischen Landtages darauf aufmerksam "Freiheit und Selbstverantwortung werden in Amerika anders definiert als in Europa" (Reden und Handeln... S. 299). Dennoch kennt Amerika einen viel höheren Patriotismus als wir Deutsche!
Wir wollen anhand bisher gewonnener Erkenntnis feststellen, ob man mittels dieser Kriterien bestimmte Auffassungen prüfen kann, ob sie richtig oder falsch sind. Wir versuchen dies am Beispiel der islamischen Sharia, der Rechtsordnung. Wenn der Islam dem Abendland moralische Dekadenz vorwirft, wozu er sicher berechtigt ist, dann will er damit seine Verantwortung betonen für eine bessere, ethisch vertretbare Rechtsordnung. So gibt die Sharia das Recht, Dieben die Hand abzuhacken, Ehebrecherinnen zu steinigen usw. Dabei muss jedoch die Freiheit und Menschenwürde so eingeschränkt oder gar außer Acht gelassen werden, dass mit der einseitigen Betonung der Verantwortung diese wichtigen Freiheitsrechte vernachlässigt werden. Damit ist das Prinzip Verantwortung dem Menschen weggenommen und einer Staatsdoktrin oder religiösen Herrschaft übertragen worden. In allen islamischen Ländern, wo diese Sharia herrscht, ist damit die Freiheit zur Perversion geworden. Man hat zur Alternative gemacht, was nur komplementär zusammen gesehen werden darf. Man arbeitet ideo-logisch, aber nicht mehr logisch. In dem Augenblick kann der Mensch seine alternative Überhöhung selbst aber nicht mehr wahrnehmen oder korrigieren, er ist unbelehrbar geworden. Der Standpunkt des anderen hat für ihn keine Bedeutung mehr. Damit haben wir zugleich das Wesen jeder Diktatur aufgezeigt. Alles basiert auf der mangelnden Trennung von Religion und Politik
Da die Bibel uns rät, um die Gabe der Unterscheidung zu ringen (Hebr 5,14 sie haben geübte [gr.gymnazoo = trainieren] Sinne und können Gutes und Böses unterscheiden), meint mancher, er hätte bei seiner einseitigen Sicht dennoch diese Gabe. Sie wird uns aber erst zuteil, wenn wir wieder biblisch- komplementär denken gelernt haben, (s. nächste Grafik) um zu beurteilen, ob die Sicht des anderen jetzt die dazugehörende andere Seite der ganzen Wahrheit ist oder es sich hierbei wirklich um Irrtum, bzw. Verführung handelt.
Es gibt allerdings ewige, absolute Wahrheiten, die uns in ihrer Alternative zur Entscheidung drängen. Von diesem Entweder-Oder ist jetzt nur kurz zu reden. (Ausführlich Kap. IV) Nehmen wir einmal die Frage, ob Gott existiert. Gott ist eine absolute Wahrheit. Von seiner jeweiligen Position aus wird ein Mensch - bedingt durch Umwelteinflüsse, Erziehung und Erkenntnisstand - diese Frage eindeutig verneinen, und ein anderer wird von seiner Position aus diese Frage überzeugt bejahen. Wie die Antwort auch ausfällt, sie ist alternativ. Es gibt nur dies Entweder-Oder. Es wäre noch eine dritte Position im Menschen denkbar. Sie könnte aber nur vorübergehender Art sein. Ein Mensch könnte sagen: "Ich weiß es noch nicht!" Hinter dieser Antwort dürfte er sich nicht lebenslang verstecken wollen, sondern müsste eines Tages nach sorgfältiger Prüfung aller Kenntnisse zu einer Entscheidung kommen, falls er an einer Wahrheitsfindung ernsthaft interessiert ist. Sonst darf er nicht länger behaupten: "Ich weiß es noch nicht", sondern müsste dann sagen "Ich will es auch gar nicht wissen". Nimmt ein Mensch ohne sorgfältiges Suchen und Fragen einfach eine Position ein, so ist nach den Erkenntnissen der Quantenphysik deutlich, dass er auch nur zu den seiner Position entsprechenden Ergebnissen kommen konnte. Klar formuliert H. Küng diese beiden Alternativen: "Ein Nein zu Gott ist möglich. Der Atheismus lässt sich nicht rational eliminieren: Er ist unwiderlegbar! Auch ein Ja zu Gott ist möglich. Der Atheismus lässt sich nicht rational etablieren: Er ist unbeweisbar!" [26] Im Verhältnis zu Gott ist die Alternative einer Entscheidung gefragt. Unsere freie Antwort entscheidet sogar über Leben oder Tod. Sie trennt uns in Ewigkeit von Gott und seiner Welt oder sie verbindet uns mit Ihm. Später wollen wir die Frage untersuchen, ob diese naturwissenschaftliche Komplementarität auch auf biblische Wahrheiten übertragen und damit für den Bereich der Theologie genutzt werden kann.
C. Fr. v. Weizsäcker bejaht dies eindeutig. Sollte uns deutlich werden, dass viele biblische Begriffe nicht alternativ, sondern komplementär zu verstehen sind, müssten wir allerdings ganz neu lernen, die jeweils ergänzenden Aussagen in den Blick zu bekommen. Um einer falsch verstandenen - nämlich alternativ formulierten - Wahrheitsfrage willen wurde und wird so oft die Einheit und Liebe aufs Spiel gesetzt. Das muss sich ändern!
Warum verwende ich nicht den Begriff der Dialektik? Er ist mehrfach besetzt. Zum einen von der Philosophie eines W. Hegel und L. Feuerbach, von wo er in die marxistische Weltanschauung Eingang fand. Zum anderen durch die dialektische Theologie, als deren Vertreter K. Barth vielfach angesehen wird. Ernst-Rüdiger Kiesow verweist in seiner Dissertation [27] darauf: "Der Sinngehalt des Wortes ,Dialektik´ in der Geistesgeschichte und in der Gegenwart ist so umfangreich und verschiedenartig, dass von einem ,Begriff der Dialektik´ im strengen Sinn nicht gesprochen werden kann." Weil Dialektik die Methode ist, in Gegensätzen zu denken, so ist ein ständiger Wechsel und Wandel des Begriffenen erforderlich. Dialektisches Denken kennt in seinem Wesen den Widerspruch. Seinem Wesen nach ist es Infragestellung des Bisherigen, Negierung einer Erkenntnis, arbeitet also als verneinendes Prinzip. Erst aus These und Antithese wird so die Synthese geboren. Kann biblisches, insbesondere neutestamentliches Denken allein aus Widersprüchen begriffen werden und welche wären es? In der Dialektik gilt jede Aussage nur solange, bis sie durch eine neue Aussage in Frage gestellt wird. Darum entspricht die Begrifflichkeit der Komplementarität unserem Vorhaben viel besser. Als zweiwertige Wahrheit gelten verschiedene Erkenntnisse nebeneinander, nicht aus dem Kampf gegeneinander, sondern in versöhnter Vielfalt beisammen und miteinander. Sie können meist nicht gleichzeitig erkannt werden. Auf Grund der Unbestimmtheitsrelation ist es dem Subjekt nicht möglich, gleichzeitig zwei verschiedene Betrachtungsweisen mit ihren Ergebnissen wahrzunehmen und sie darum als wahr zu bezeichnen. Schauen wir uns diesen Begriff aus der Quantenphysik näher an. Werner Heisenberg (1901- 1976) führte diesen Begriff in die heutige Physik ein. Was besagt die Heisenbergsche Unbestimmtheitsrelation? Es ist nicht zu leugnen, dass das erkennende Subjekt und das zu erkennende Objekt in einem geschichtlichen Zusammenhang gesehen werden müssen.
Alles Erkennen ist abhängig von der Methode, der Perspektive des Subjektes. Jedes Erkennen erkennt Wirklichkeit nicht einfach so, wie sie ist, sondern hebt bestimmte Aspekte der Wirklichkeit heraus. Niemand vermag von sich zu behaupten, dass er allein die richtige Wirklichkeitserkenntnis hat. Das wäre überheblich. Er kann immer nur sagen: ich habe es so erkannt und verstanden. Die Erkenntnisse der Naturwissenschaft machen also jeden bescheiden, ja demütig. Dabei bleiben andere Aspekte auf Grund menschlicher Begrenztheit im Dunkeln, unbestimmt oder gar ausgegrenzt. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse haben uns so zu einem völlig neuen Verstehen gegensätzlicher Positionen geholfen. Nach I. Kant war es vor allem W. Hegel, der auf die Fragwürdigkeit einer Trennung von Subjekt und Objekt aufmerksam machte und eine dialektische Erkenntnis der Wahrheit gefordert hat. W. Heisenberg versuchte mit der Begrifflichkeit der Unbestimmtheitsrelation eine Erklärung dafür zu geben, dass alle atomaren Objekte weder "Teilchen" oder "Welle" an sich sind, sondern ihre Eigenschaften teilchen- oder wellenähnlich erscheinen. Victor von Weizsäcker formulierte dieses Problem so: "Wenn wir zugeben, dass es in dieser Welt mehr als ein Lebewesen gibt, dann müssen wir auch zugeben, dass diesen verschiedenen Wesen auch Verschiedenes begegnet. Es ist also notwendig, dass dieselbe Welt verschieden erscheint. Es ist ferner notwendig, dass einem Wesen, welches sich verändert, dieselbe Welt verschieden erscheint." [28] Im bisherigen Denken versuchten Menschen, ihre Erkenntnisse und Überzeugungen so darzustellen, dass sie sich damit von anderen absetzten. Falls es sich nicht um direkten Irrtum handelt, der mit Komplementarität nichts zu tun hat, braucht sich bei komplementärem Denken niemand abzusetzen. Weil er sich als Teil einer größeren Wahrheit und Wirklichkeit begreift, kann er sich vielmehr dazusetzen. Komplementäres Denken hat nicht nur ergänzende Wahrheiten im Blick, so dass zur Freiheit die Verantwortung, zur Gnade auch das Gericht, zum Evangelium das Gesetz und zur Rechtfertigung auch die Heiligung dazu gesehen werden. In diesem Denken bleibt durch den Oberbegriff, der aller Komplementarität innewohnt, die innere Einheit erhalten, weil jeder weiß - wenn wir von der Physik ausgehen -, dass wir alle vom Licht reden, auch wenn wir dabei verschiedene Betrachtungsweisen haben mögen. Wer zutiefst begriffen hat, dass die ganze Wahrheit größer ist als der Teilaspekt subjektiver Erkenntniswahrnehmung, der wird immer wieder auf das Einende und nicht so sehr auf das Trennende gelenkt. Es muss uns wichtig werden, nicht nur Gegensatzpaare zusammenzudenken, sondern dabei auch die Einheit in der Vielfalt, wie sie in Gott vorgegeben ist, im Blick zu behalten. Solches Denken lässt Raum zum Staunen über dem Geheimnis Gottes, der Einheit in Vielfalt so ermöglicht. Natürlich wird es immer geschehen, dass Menschen bei ihrer subjektiven Wahrnehmung so von der einen Seite fasziniert werden, dass sie diese für die ganze Wahrheit halten. C. Fr. v. Weizsäcker urteilt selbst, dass Komplementarität als Grundbegriff der Logik äußerst schwierig darzustellen ist. Das Abgehen von der vereinfachenden Alternative ist ein Befreiungsakt im bisherigen Denken. Es schließt aber auch eine bescheidenere Einschätzung des eigenen Standpunktes ein, was manchem erst einmal schwer fällt. Das könnte helfen, die Menschheit vor einer Zunahme an Hochmut zu bewahren. Solches Denken, in die pädagogische und geistige Erziehung der Menschen eingebracht, könnte vor mancher Engführung, Spaltungstendenz und Sektierertum bewahren. Junge Menschen blieben damit vor viel Radikalisierung, vorschneller Verurteilung und aggressivem Lebensstil bewahrt! Für eine dringend benötigte Friedenserziehung ist diese komplementäre Sicht der Dinge unersetzlich. Hier erhielte die Pädagogik eine ganz neue philosophische und ethische Grundlage, die sie in die Lage versetzte, für eine echte Friedenserziehung die nötigen Voraussetzungen zu liefern. Und das unabhängig von weltanschaulicher oder religiöser Betrachtungsweise! Rechte und linke Gruppierungen könnten sich begreifen lernen als die zwei Seiten einer Wahrheit, die leider nur radikal verabsolutiert sind und sich damit nicht mehr zur komplementären Wahrheit als dazugehörend betrachten können. Wenn sie nicht länger ihrem Fanatismus huldigen würden und für eine tolerante Lebenshaltung eintreten wollten, anstatt ihre jeweilige Überzeugung meinen mit Intoleranz, Druck oder gar Gewalt und Terror durchsetzen zu müssen, wäre ihr Beitrag für die Gesellschaft sehr positiv. Wo sie in der falschen Alternative verharren, ist immer der andere Teil der Wahrheit verleugnet, und damit Irrtum Tür und Tor geöffnet. Damit ist ihr Denken und Tun vom Chaos vorprogrammiert.
Wir finden so die tiefe Weisheit biblischer Aussage bestätigt: "Die Erkenntnis macht aufgeblasen, die Liebe dagegen baut auf. Wenn einer meint, er sei zur Erkenntnis gelangt, hat er noch nicht so erkannt, wie man erkennen muss." (1.Kor 8,1.2 Einheitsübersetzung). Ist es eine einende oder trennende und damit auch zerstörende Erkenntnis? Das war die Frage, die der Apostel Paulus den Korinthern stellte, wenn sie ein kompliziertes Problem lösen wollten. Damals war es etwa die Frage des Genusses von Götzenopferfleisch, heute sind es viele andere Fragen, auf welche die Gemeinde Jesu eine Antwort suchen muss. In 1. Korinther 13 betont Paulus die Vorläufigkeit menschlicher Erkenntnis mit der Aussage "Wissen ist Stückwerk" (Vers 9). Erst in der Vollendung durch Gott siegt das Ein- fältige, und alles Zwie-fältige vergeht als Stückwerk (Vers 10). Paulus fordert die geistliche Grundhaltung der Liebe heraus, ohne die jede Erkenntnis schief wird! Dass hier zuerst unter Christen ein sehr großer Lernprozess bewältigt werden müsste, ließe sich am geistlichen Schrifttum der Gegenwart zahlreich belegen. Immer wieder werden stark alternative und damit einseitige Positionen bezogen, wobei Andersdenkende und -glaubende nicht nur missverstanden, sondern oft auch vorschnell verurteilt werden.
Ein Beispiel hier für viele. Alexander Seibel untersucht die Stellung der Gemeinde zu den verstärkt aufbrechenden Gnadengaben und erkennt dabei richtig eine Gefahr: "Hat man sich aber erst einmal ,pro' programmieren lassen, so zeigt eine reichhaltige Erfahrung, dass das ,contra' einfach nicht mehr zur Kenntnis genommen wird." [29]
Wenn das einleuchtend ist, und das könnte wohl jeder anerkennen, dann gilt diese Gefahr sicher nicht nur für den anderen, sondern auch für jeden persönlich. Dann sollte ehrlicherweise auch umgekehrt formuliert werden: Hat sich erst einmal jemand, aus welchen Gründen auch immer, für ein "contra" vorentschieden, so wird er nicht mehr in der Lage sein, das "pro" bei seiner eigentlichen Entscheidung zu berücksichtigen. So wundert es nicht, wenn A. Seibel dann geistliche Erscheinungen als endzeitliche Unterwanderung deutet, die man komplementär auch ganz anders verstehen könnte!
Bei allem Nachdenken über geistliche Wahrheiten im Neuen Testament darf nie übersehen werden, dass es damals um geistliche Lebensvorgänge ging, die erst später begrifflich gefasst wurden. Die frühe Kirche unterzog sich großer Mühe, Glaubensaussagen so zu formulieren, dass sie zu eindeutigen, verstehbaren Bekenntnissen gelangte. Indem man die Begriffe benutzte, wiederholten sich damit nicht automatisch geistliche Lebensvorgänge. Indem man daraus geistliche Lehrsätze (Dogmen) formulierte, glaubte man damit gültig Wahrheit festgelegt zu haben. Ohne die gleichen Erfahrungen kommen spätere Generationen möglicherweise aber zu anderen Ergebnissen. So verstehe ich die Unbestimmtheitsrelation auf geistliche Fragen übertragen. Damit benutze ich Formulierungen des Komplementaritätsprinzips aus der naturwissenschaftlichen Erkenntnistheorie zur Interpretation der geisteswissenschaftlichen Wirklichkeit. Darum ist für die Nachfahren beim Nachsprechen geistlicher Erfahrungen der Vergangenheit - es sei noch einmal betont - das eine besonders wichtig: eine große innere Demut, die mit der eigenen Irrtumsfähigkeit oder eingeschränkten Wahrnehmung rechnet.
Vergegenwärtigen wir uns den zurückgelegten Weg: die Notwendigkeit eines
neuen Denkens als dringendes Erfordernis unserer Zeit dürfte einsichtig
geworden sein! Ebenso das Versagen bisheriger logisch-alternativer
Denkansätze. Mit der Entdeckung des komplementären Denkmodells aus der
Naturwissenschaft haben wir die Möglichkeit, auch in den
Geisteswissenschaften Gegensatzpaare zusammenzusehen und darüber in der
Einheit zu bleiben. Jetzt wäre es an der Zeit, hebräisches und
neutestamentliches Denken darauf zu überprüfen, ob dort anders als im
griechischen Denken eher ein dem modernen komplementären Denken der
Atomphysik entsprechendes Denken vorhanden war.